Analphabetismus in der Schweiz 2026: Wenn Lesen im Alltag zur Hürde wird
Analphabetismus in der Schweiz – gibt es das 2026 tatsächlich noch? Ja, allerdings ist der klassische Begriff oft irreführend. Nur ein Teil der Betroffenen kann überhaupt nicht lesen oder schreiben. Viel häufiger sind geringe Lese- und Schreibkompetenzen: Menschen können einfache Texte verstehen, stossen bei Formularen, Anleitungen oder komplexeren Informationen jedoch rasch an ihre Grenzen. Aktuelle Zahlen zeigen, dass dies in der Schweiz keineswegs ein Randphänomen ist.
Nach den jüngsten umfassenden Daten des Bundesamtes für Statistik verfügen rund 22 Prozent der 16- bis 65-Jährigen über geringe Lesekompetenzen. Das entspricht ungefähr 1,25 Millionen Menschen. Grundlage sind die Schweizer Ergebnisse der internationalen PIAAC-Erhebung zu den Kompetenzen Erwachsener.
Die Schweiz liegt bei der durchschnittlichen Lesekompetenz zwar über dem OECD-Durchschnitt. Gleichzeitig existiert innerhalb der Bevölkerung aber eine beträchtliche Gruppe, für die geschriebene Informationen im Alltag eine Herausforderung darstellen.
Nicht jeder Betroffene ist Analphabet
Die Zahl von rund 1,25 Millionen Menschen darf nicht so verstanden werden, dass mehr als jeder fünfte Erwachsene in der Schweiz überhaupt nicht lesen oder schreiben kann. Die Erhebung unterscheidet verschiedene Kompetenzstufen.
Menschen auf den tiefsten Stufen können beispielsweise kurze und einfach aufgebaute Texte verstehen oder einzelne Informationen finden. Schwieriger wird es bei längeren Texten, mehreren Informationsquellen, komplizierten Formularen oder Aufgaben, bei denen verschiedene Informationen miteinander verknüpft werden müssen.
In der Schweiz wird deshalb häufig von Illettrismus oder geringen Grundkompetenzen gesprochen. Gemeint sind Menschen, deren Fähigkeiten beim Lesen und Schreiben für bestimmte Anforderungen in Beruf und Alltag nicht ausreichen.
Alter und Bildung spielen eine wichtige Rolle
Die Unterschiede zwischen den Bevölkerungsgruppen sind erheblich. Bei älteren Erwachsenen treten geringe Lesekompetenzen häufiger auf als bei jüngeren. Auch das Bildungsniveau spielt eine zentrale Rolle. Personen ohne nachobligatorischen Bildungsabschluss sind deutlich häufiger betroffen.
Hinzu kommen sprachliche Faktoren. Wer eine andere Hauptsprache spricht als jene, in der ein Test oder eine komplexe Information verfasst ist, kann zusätzliche Schwierigkeiten haben. Solche Unterschiede müssen deshalb sorgfältig interpretiert werden.
Probleme zeigen sich mitten im Alltag
Geringe Grundkompetenzen können sich in ganz alltäglichen Situationen bemerkbar machen: beim Lesen eines Arbeitsvertrags, beim Verstehen von Sicherheitsanweisungen, beim Ausfüllen eines Behördenformulars oder beim Kontrollieren einer Rechnung.
Besonders in einer zunehmend digitalisierten Gesellschaft steigen die Anforderungen. Viele Dienstleistungen von Unternehmen und Behörden werden online abgewickelt. Wer Mühe mit Lesen, Schreiben oder digitalen Anwendungen hat, kann dadurch zusätzlich benachteiligt werden.
Bund und Kantone fördern Grundkompetenzen
Das Problem ist in der Schweiz seit Jahren bekannt. Bund und Kantone unterstützen deshalb Angebote, mit denen Erwachsene ihre Fähigkeiten verbessern können. Dabei geht es nicht nur um Lesen und Schreiben, sondern auch um Alltagsmathematik und digitale Kompetenzen.
Solche Angebote finden teilweise direkt am Arbeitsplatz statt. So unterstützen beispielsweise mehrere Ostschweizer Kantone Firmenkurse zur Förderung von Lesen, Schreiben, Mathematik und digitalen Grundkompetenzen. Damit sollen Mitarbeitende Fähigkeiten erwerben oder festigen können, die sie unmittelbar im Berufsalltag benötigen.
Eine weitere Auswertung des Bundesamtes für Statistik zeigt zudem, dass rund 844’000 Erwachsene gleichzeitig geringe Kompetenzen beim Lesen, in der Alltagsmathematik und beim adaptiven Problemlösen aufweisen.
Ein oft unsichtbares Problem
Analphabetismus ist in der Schweiz 2026 also nicht verschwunden. Präziser ist allerdings die Feststellung, dass eine grosse Zahl von Erwachsenen grundsätzlich lesen und schreiben kann, aber bei anspruchsvolleren Aufgaben Schwierigkeiten hat.
Gerade deshalb bleibt das Problem häufig unsichtbar. Im Alltag entwickeln Betroffene Strategien, um schwierige Situationen zu umgehen oder Hilfe zu erhalten. Die aktuellen Zahlen zeigen jedoch, dass geringe Grundkompetenzen keine seltene Ausnahme sind, sondern einen beträchtlichen Teil der erwachsenen Bevölkerung betreffen.
Quelle: belmedia-Redaktion
Bildquelle: Titelbild: KI-Bild